Verhalten von Keramik in Aquarien

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Verhalten von Keramik in Aquarien

Beitragvon Aqua-Aquaristik » 09.02.2006, 13:05

Verhalten von Keramik in Aquarien

Häufig verwenden wir Keramik (Gegenstände aus gebranntem Ton) in unseren Becken. Meist ist uns unbekannt, was sie enthält und so liest man häufig, dass bei der Diagnose von unklaren Symptomen neben den Wurzeln auch die Keramik entfernt werden soll. Da wir damit einigen Tieren die Wohnstatt entziehen, war mir diese Maßnahme immer suspekt. Mein Urvertrauen in Ton möchte ich versuchen hier verständlich zu machen.

Für die Quintessenz dieser Recherchen erst einmal eine kurze Erklärung. Ich arbeite seit über 10 Jahren im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit mit Ton, meist auf experimentelle Weise. So hatte ich das Glück verschiedenste Techniken auszuprobieren und als ich mit der Aquaristik begann, stand sofort für mich fest, dass in mein Becken nur Ton kommt, den ich selbst bearbeitet und selbst gebrannt habe.

Erst einmal die Theorie:
Wichtigster Grundstoff in der Keramik sind Aluminiumsilikate (SiO2+Al2O3). Das sind kristalline Stoffe. (Ton.) Keramiken bestehen meist aus einem Ton, der mit Sand oder Schamotte (fein gemahlener gebrannter Ton) vermischt wird, um eine bestimmte Stabilität zu erreichen. Im Feuer bildet sich nach dem Verdampfen des chemisch gebundenen Wassers bei 500° eine Schmelze aus den Verunreinigungen. Diese sind i.d.R. Quarz, Eisenoxid und Kalk. Es gibt Tone, die schon bei 1000°C dicht werden. Feuerfeste Keramiken dagegen brennt man bis 1650°C. Man muss abwägen, was billiger ist, ein Zusatz, der die Brenntemperatur senkt oder die hohe Temperatur. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Da beim Brennen die Hitze von außen auf die Keramik einwirkt, verkitten sich auch außen die Kristalle zuerst und verdichten die Oberfläche. Diese Verdichtung ist die Vorstufe der Schmelze, durch die der Scherben wasserundurchlässig wird. Man spricht von einem dicht gesinterten Scherben, wenn er nicht mehr als 2% Wasser aufnimmt. Nimmt er mehr Wasser auf, gilt er als porös.
Grob kann man sagen, dass Töpferware oder Irdenware und Steingut porös sind. Porzellan und Steinzeug dagegen sind dicht (Steinzeug enthält auch keinen Kalk). Die Farbe der letzt genannten ist weiß!!!! Nicht mit Gips zu verwechseln auf Grund der Härte.

Darüber kann man sich nun ewig auslassen, aber ich möchte niemanden langweilen.

Vor einiger Zeit hatte ich das Glück bei Gustav Weiß in Berlin einen Kurs besuchen zu können. Gustav ist der Chemie- Guru der Keramikszene. Er ist der versierteste und vermutlich älteste Keramiker (vielleicht sogar der Einzige), der sich mit der Chemie der Keramik richtig auskennt. Da ich keinerlei Fachliteratur über Aquarienkeramik finden konnte, habe ich mich an ihn gewandt und ihn zu einigen Problemen aus unserer Sicht befragt.

Fragen: Kann gebrannte Keramik (i. d. R. 1060- 1250°C gebrannt) Stoffe an das Aquarienwasser abgeben oder dem Wasser bestimmte Stoffe entziehen?
Gibt es chemischen Verbindungen, die in der Lage sein könnten, den Scherben anzugreifen?
Kann diese Keramik Medikamente, die zur Behandlung ins Becken gegeben werden, aufnehmen, um sie später wieder an das Wasser abzugeben?
Bisher habe ich für frostfeste und Aquarienkeramik Braunstein wie Glasur auf den gebrannten Scherben aufgetragen und dann bei 1250°C noch einmal gebrannt. Leider verliert unser roter Ton aber bei diesen Temperaturen seine schöne rote Farbe. Lässt sich das beeinflussen und denkst du, dass Braunstein sich in Wasser ebenfalls stabil verhält?

Antwort, Zitat Gustav Weiß, Berlin:
Wenn die Keramik porös ist, kann sie Medikament aus dem Wasser aufnehmen und wieder abgeben. Ich nehme an, dass die Behandlung (Reinigung) des Beckens im leeren Zustand erfolgt. Wenn von dem Behandlungsmittel etwas in das gefüllte Becken gelangt, kann es von einer porösen Keramik genauso aufgenommen werden wie es ohnehin in das Wasser gelangt. Also an der Keramik liegt es nicht, wenn das Behandlungsmittel an das Wasser abgegeben wird. Soviel ich weiß, ist der Boden von Aquarien mit etwas lehmigem Kies bedeckt, auf dem eine etwa 3cm dicke Schicht von Flusssand liegt. Dieser Boden, in dem die Aquarienpflanzen wurzeln, wird doch gewöhnlich nicht entfernt und erneuert, sondern nur das Wasser erneuert. Eine dichte Keramik mit bis zu 2% Porosität verhält sich nicht anders als dieser Boden. Sie nimmt nichts auf und gibt nichts ab, sofern sie nicht glasiert ist. Glasierte Keramik kann Alkalien oder Schwermetalle an das Wasser abgeben, wenn die Glasur gefärbt ist. Schwache Säuren lösen etwas aus den farbigen Glasuren. Aber bei pH 7 ist das Wasser neutral und nicht aggressiv genug. Es kann Alkalien aus der Glasur lösen, wenn die Keramik nur bis 1100°C gebrannt ist. Bestimmte, in Wasser gelöste Stoffe können sich in einer porösen Keramik anreichern. Über die Langzeitlagerung von Keramik in Wasser liegen keine Erkenntnisse vor. Aber man kann von der Wetterbeständigkeit auf das Verhalten in Wasser schließen. Allerdings spielt dort auch die Frostbeständigkeit eine Rolle. Wenn man sicher gehen will, sollte man nur eine hochgebrannte, dichte, unglasierte Keramik verwenden. Diese kann nur dadurch beeinflusst werden, dass sich Algen genauso ansetzen, wie an der Gefäßwand. Die Keramik sollte also genau so gereinigt werden wie das Aquarium selbst.

Braunstein ist nicht nur Manganoxid, sondern enthält auch eine Reihe von Verunreinigungen, unter anderem Blei. Er geht auch keine Verbindung mit dem Scherben ein, wenn er nicht durch eine Glasur gebunden wird. Also ist er für Aquarien auf keinen Fall zu empfehlen. Dass ein roter Ton bei Steinzeugtemperaturen immer dunkler braun wird, lässt sich nicht vermeiden. Es gibt nur selten rote Tone, wie den "Herkules Rot", die noch lange rot bleiben. Aber den gibt es nicht mehr. Eine poröse Keramik lässt sich nicht sicher von Einlagerungen befreien, indem man sie ausspült. Man muss sie noch mal brennen. Der gebrannte Scherben besteht aus Kristallen, Scherbenglas und Poren. Die können mit einem Medikament keine Verbindung eingehen. Aber in die Poren können sich Fremdstoffe einlagern, die man nicht wieder rausbekommt. Das Scherbenglas kann Alkalien an das Wasser abgeben. Deshalb soll die Keramik eine dichte (gesinterte) Oberfläche haben. Zitatende.

Gustav hat mir freundlicher Weise erlaubt, ihn hier zu zitieren. Wer mehr wissen möchte, dem sei ein Blick auf seine Homepage empfohlen. http://www.gustav-weiss.de/


Für die Aquaristik heißt das aus meiner Sicht:
Bei Guppy & Co, PH 7,5 und 25°C braucht sich niemand Sorgen machen, da ist eine Keramik, wie die andere. Im schlimmsten Fall zerfällt sie und düngt das Becken. Interessant wird es im Diskusbecken, besonders, wenn der PH unter 7 geht oder, wenn man Medikamente angewandt hat.

Wie kann der Normal- Aquarianer kontrollieren, was er dort im Becken hat?
Zunächst einmal:
1. Kratzen! Geht dabei Farbe ab- wegschmeißen!
2. Gute Keramik klingt gut
3. Wässern, steigen nach ein paar Minuten immer noch Luftblasen auf, kann das Teil auch mit
dem Wasser Schadstoffe einlagern. Es sollte nach einer Medikamentenbehandlung erneut
gebrannt werden.
4. Keramiken mit Glasurschicht- sieht man am besten unten- nicht in saurem Wasser
verwenden.
5. Rot gebrannte Keramik ist niedrig gebrannte Keramik. Der Scherben ist porös. Siehe 3.

Herzliche Grüße
Helene
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Beitragvon Aqua-Aquaristik » 09.02.2006, 13:06

Hallo,

den Beitrag hat mir Helene zur Verfügung gestellt. Ich stelle ihn erstmal hier rein, später kommt er dann noch auf meine Webiste.

Danke Helene!

Gruß

Matthias
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Beitragvon Symphysodon » 09.02.2006, 14:19

Hi,
seeehr interessant.
Was ist "Braunstein"? ...und wie ist Terracotta einzuordnen?
Zuletzt geändert von Symphysodon am 18.02.2006, 17:26, insgesamt 1-mal geändert.
Grüße
Rudi
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Beitragvon Helene » 09.02.2006, 18:21

Hallo zusammen,

sicher interessiert sich hier nicht jeder für so spezielle Themen, deshalb möchte ich das Allerwichtigste noch mal hervorheben:

Wenn ihr Medikamente in euren Becken verwendet, nehmt vorher alle Keramiken heraus. Sie können noch nach längerer Zeit die aufgenommenen Medikamente wieder frei geben!

Hallo Rudi, seeehr- ernst gemeint?

Terrakotta hört sich immer so edel an, oder? Es heißt schlicht: gebrannte Erde. In der Kunst bezieht sich der Begriff meist auf Plastiken und Reliefs. Wenn der Begriff für Töpfe, Tassen usw. korrekt gebraucht wird, deutet er darauf hin, dass der Ton schamottiert und höher gebrannt ist. Er wäre dann für die Aquaristik besser zu gebrauchen. Ich bezweifle aber, dass im Allgemeinen da wo Terrakotta drauf steht, Terrakotta drin ist. Der Begriff steht meist ganz allgemeingültig für Keramik.

Braunstein wurde häufig zum Einfärben benutzt. Es ist eine schwarze Farbe, die in die Ritzen läuft und so eine Art Patina erzeugt. In der Regel wird es nur noch als Braunsteinersatz angeboten und enthält kein Blei. Ich verzichte aber auf Grund der starken Veunreinigungen bei meinen Aquarienkeramiken darauf und verwende schwarzen Ton zum Färben. Durch die sehr hohen Brenntemperaturen gehen dabei die Manganoxide eine feste Verbindung ein.

Nachtrag:
1. Es ist mir bisher nicht gelungen mal einen Hersteller oder Verkäufer von Aquarienkeramik dazu zu bewegen, die Brenntemperatur kundt zu tun, bei der seine Ware gebrannt wurde. Das stimmt mich sehr nachdenklich!
2. Ich bin kein Händler. Töpfern ist mein Hobby und manchmal mache ich etwas für mich, was dann doch nicht (mehr) meinen Vorstellungen entspricht. Das versuche ich dann unter die Leute zu bringen.
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Beitragvon Noa » 17.03.2006, 22:32

Hallo,

ich wollte hier mal den Keramikexperten ;) fragen, ob man sich z. B. so kleine Röhren aus Ton bzw. Keramik für das Garnelenbecken selbst herstellen kann und welchen Ton man dazu verwenden kann.

Es gibt doch z. B. diesen Soft-Ton, der härtet an der Luft aus, kann man das verwenden oder ist der nicht für Wasser geeignet, ich hab da bis jetzt keine Info zu finden können?

Und diesen Soft-Ton kann man auch brennen, wieviel Grad müsste das denn haben, damit der richtig gebrannt ist, ich hab ja nur nen Backofen..?

Noch was anderes, was aber nicht mit Keramik zu tun hat. Alternativ zur Keramik als Rohr hab ich mir überlegt Bambusrohre zu nehmen, aber mal ne blöde Frage, schwimmt das nicht im Wasser? Oder wie ist das...

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Beitragvon Helene » 18.03.2006, 23:28

Hallo Noa,
klar kannst du selbst machen, aber mit deinem Backofen kommst du nicht weit.
Auf die chemisch hergestellten Produkte (Softton, Fimo & co.) w�rde ich allerdings verzichten. Ihr Verhalten bei dauerhaftem Aufenthalt in lauwarmem Wasser ist kaum erforscht . Bei Backofentemperaturen findet nur ein Trocknen des Tones statt. Kristalline Strukturen wie bei hochgebrannter Keramik k�nnen dabei nicht entstehen.
Du solltest dich umh�ren, ob eine Schule oder ein Klub in der N�he einen Brennofen zur Verf�gung hat. Wenn du keine besonders empfindlichen Tiere hast, sollten schon 1100�C reichen. Gegen eine Spende sind solche Einrichtungen oft bereit einen Brand extra zu fahren. Du kannst Tone aller Sorten verwenden, wobei es dabei eine ganze Bandbreite verschiedener Qualit�ten gibt. Achte beim Kauf darauf, dass er f�r diese hohen Temperaturen zugelassen ist und nicht zuviel Schamotte enth�lt.

Noch besser, du kommst zu unserem Aqua- T�pfernachmittag am 1.4. in Berlin. Dort zeige ich, wie es geht und brenne euch die Sachen dann auch.
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Beitragvon Noa » 18.03.2006, 23:53

Liebe Helene,

vielen Dank für die Tipps und auch das Angebot. Ich komme aus Freiburg, das ist echt ne Ecke weg von Berlin und habe zwei kleine Kinder. Da kann man nicht grad mal so schnell über mehrere Tage wegfahren, aber sonst hätte ich das gerne gemacht :)

Ich werde über das Ton nochmal nachdenken, hier kann man das bestimmt irgendwo brennen lassen. Wir haben ein Restaurant mit einem Holzofen, aber ich hab keine Ahnung wie heiß das da drin ist und kann es auch nicht nachmessen... sonst würde ich diesen verwenden.

Vielleicht greife ich doch auf den Bambus zurück als Unterschlupf. Hast Du damit auch Erfahrung?

Liebe Grüße von Noa
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Beitragvon Helene » 19.03.2006, 00:08

Hallo Noa,
der Holzofen (für Pizza?) geht vermutlich, wenn du ihn zumauerst für den Brand. Aber auch dann lässt sich die Temperatur ziemlich schlecht steuern. :lol:
Frag mal in den benachbarten Schulen. Viele haben eine Arbeitsgemeinschaft Keramik. Da freut sich der Lehrer über einen Fünfer und hilft dir gleich noch mit Beratung, wenn du Glück hast. Nebenbei kannst du schon mal einen Blick werfen, welche Schule für deine Süßen in Frage kommt. Selbstverständlich nur die mit dem nettesten Kunstlehrer. :wink:
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